Die Wahl zeigt, dass sich nichts ändern wird.
Genau fünf Jahre und einen Tag nach der vorletzten Kommunalwahl am 13. September 2020 schritten Münsters Wähler erneut zur Wahl. Gemäß dem amtlichen Wahlergebnis holten die Grünen am 14. September 2025 die meisten, nämlich 21 Ratssitze, die CDU deren 20, die SPD 9, die LINKE 6, AfD und Volt jeweils 3, die FDP 2 und Die Partei sowie die Ökologisch Demokratische Partei ödp jeweils einen Sitz. Insgesamt umfasst der Rat 66 Sitze plus einem Sitz für den Oberbürgermeister. (1)
In etwa folgen die Wahlergebnisse dem Trend in Nordrhein-Westfalen. Mit der Ausnahme des Abschneidens der Grünen. Während diese landesweit ein Drittel des Stimmanteils auf noch 13,5 Prozent verloren, legten sie an der Aa nochmals leicht auf 31,6 Prozent zu. Damit lösten sie erstmalig auch die CDU als stärkste Fraktion im Stadtrat ab, wenn auch nur sehr knapp. Mit der Betonung auf „im Stadtrat“ denn gemessen an allen Wahlberechtigten stellt die Partei der Nichtwähler einmal mehr die mit Abstand stärkste Fraktion. Rund 88.000 Wahlberechtigte verweigerten den Urnengang, was 35,18 Prozent entspricht (im Jahre 2020 waren es rund 91.600 Personen entsprechend 37,04 Prozent). Diese Zahlen sind durch den Zuwachs der Bevölkerung in der Zwischenzeit erklärbar. Bezieht man die Nichtwähler in das Gesamtergebnis ein, können von den Ergebnissen der jeweiligen Parteien grob ein Drittel abgezogen werden. Die Grünen kämen dann bsw. auf rund 20 Prozent, die LINKE auf rund 5 Prozent und so weiter.
Bleiben noch die mehr oder minder prominenten Lokalpolitiker zu erwähnen, die es nicht in den Rat schafften. Im Bereich Bahnhof verfehlte der CDU-Sozialpolitiker Richard Halberstadt das Mandat, in Albachten der grüne Kreisvorsitzende Stefan Rostek. An der Piusallee scheiterte die bisherige zweite Bürgermeisterin Maria Winkel und in Kinderhaus-West der Sozialpolitiker Thomas Kollmann, beide SPD. Schließlich verfehlte auch der Bezirksbürgermeister Nord und OB-Kandidat der SPD, Stephan Brinktrine, das Ziel. Zu erwähnen ist auch das politische Urgestein Rüdiger Sagel, der aber ohnehin nur als Zählkandidat der Kleinpartei VOLT auftrat.
Deshalb noch einige Sätze zu den Sozialdemokraten. Das Ausbluten der SPD setzte auch in Münster schon vor etwa 20 Jahren ein. Mit nur noch 14,1 Prozent der Stimmen erzielte sie das schlechteste Ergebnis ihrer Lokalgeschichte nach dem Weltkrieg. Eine Änderung des Trends ist umso unwahrscheinlicher, da Münsters SPD längst von Kräften dominiert wird, welche die Grünen links überholen möchten. Wie zumeist, nimmt der Wähler aber dann das Original statt der Kopie. Nun verloren die Roten weitere drei Prozentpunkte und drei Sitze im Rat.
Aber ebenso wenig darf sich die CDU sicher fühlen. Auch ihr Abstieg setzt sich fort, wenn auch nicht so sichtbar wie bei den Roten. Nach der Wahl stellt sie nur noch die zweitstärkste Ratsfraktion und verlor mit 16 gegen 17 direkt gewonnene Mandate auch diesen Vergleich mit den Grünen. Beides ist ein Novum in der lokalen Nachkriegsgeschichte. Besonders bedenklich ist für die CDU jedoch der langfristige Trend, der sich nun fortsetzt. Der Trend weist seit etwa 15 Jahren beständig nach unten. Einen Gutteil der Entwicklung mag die 2004 eingeführte Möglichkeit zur Teilnahme an Kommunalwahlen für Studenten haben. Damals eingeführt von CDU und SPD – angesichts der grünen Präferenzen dieser Personengruppe wurde das ein klassisches Eigentor.
Der Bad Boy des politisch-medialen Mainstreams, die AfD, kann sich dagegen freuen. Zwar erreichte sie an der Aa mit 4,52 Prozent das schlechteste Ergebnis aller Wahlkreise in NRW. Aber es reichte zur Verdreifachung der Mandate und damit zur Fraktion im Rat. Doch selbst die drei Sitze von sechsundsechzig lassen die ideologischen Reflexe zuverlässig funktionieren. Denn laut Westfälische Nachrichten vom 15. September 2025 äußerte die linke Spitzenkandidatin Katharina Martinewski: „Eine Sache, die uns sehr stark macht, ist die Angst vor dem Rechtsruck, den wir haben.“ An der Aa ist man von einem Rechtsruck jedoch sehr weit entfernt, wie schon das Ergebnis ihrer eigenen Partei zeigt.
Ein anderes Beispiel betrifft den Bau von Wohnungen. Über die heikle Lage vor Ort brauchen hier keine Ausführungen gemacht zu werden; sie sind Teil des allgemeinen Bewusstseins. Trotzdem sollen weiterhin hohe ökologische Standards befolgt werden (eine neutrale Umschreibung für den berüchtigten „Münsterstandard“), die das Bauen erheblich verteuern. Dass das Eine das Andere konterkariert, dringt nicht ins Bewusstsein vieler Akteure. In der Ausgabe vom 3. September geben die Westfälischen Nachrichten eine Übersicht über wesentliche Positionen von zwölf Parteien. (2) Beim Punkt „Wohnen“ sprechen sich lediglich AfD, CDU und FDP für eine kritische Bewertung der in Münster de facto herrschenden Baunormen aus. Die AfD ist von ihnen die einzige Partei, die explizit eine Senkung der Standards fordert. Die SPD spricht sich immerhin für eine „Entrümpelung“ der Normen aus, was immer auch das bedeuten mag. Alle anderen Parteien sehen im Münsterstandard offenbar kein Problem für den Bau von Mietwohnungen, die dann auch für Ottilie und Otto Normalverbraucher erschwinglich sind. Wie vorsätzlich oder zumindest billigend in Kauf genommene hochgetriebene Kostenblöcke beim Bauen mit dem bezahlbaren Wohnbedürfnis der meisten Haushalte zusammen gehen, bleibt das Rätsel dieser Parteien.
Wie geht es weiter? Die Antwort ist abhängig vom Ergebnis der Stichwahl zum Oberbürgermeister am 28. September sowie von den dann gebildeten Koalitionen. Wahrscheinlich aber ist die Fortführung der bisherigen de facto-Koalition aus Grünen, Linken und Volt unter begeisterter Unterstützung durch die LINKE sowie Kleinparteien wie der ödp mit einem Ratsmandat. Unterschiede gibt es bei den genannten Parteien allenfalls im Detail, nicht aber in den Grundsatzfragen. Dem grundsätzlichen „Weiter so!“ entsprechend wurde wiederholt ein Wohlfühlwahlkampf attestiert obwohl es sich anhand der Rahmenbedingungen und Perspektiven um eine der wichtigsten kommunalen Wahlentscheidungen der Nachkriegszeit handelt. Man könnte auch von Ideenlosigkeit sprechen. Wer es noch schärfer formulieren mag, der darf Münsters Lokalpolitik eine Verdrängung der Realität bescheinigen.
Wie sieht folglich die Zukunft der Stadtgesellschaft aus? Es wird so weitergehen wie bisher und es wird nicht so weitergehen wie bisher. Die scheinbar widersprüchliche Formulierung löst sich mit der Zeit auf. Denn zuerst wird sich wenig bis nichts ändern. Beide Kandidaten in der Stichwahl entstammen der öffentlichen Verwaltung. Innovationsgeist oder gar das Denken über Grenzen darf von ihnen nicht erwartet werden und sie haben sich mit Derartigem im Wahlkampf auch nicht hervor gehoben. Der Kandidat der SPD, Stephan Brinktrine, kommt immerhin aus der freien Wirtschaft und dürfte durch das dortige entscheidungsfreudige Denken geprägt sein. Aber für ihn war am 14. September Schluss und auch dem neuen Rat wird er nicht angehören. Zurück zum „Weiter so!“. Beide Kandidaten von CDU und Grünen kündigten bereits einen weiteren Ausbau der Verwaltung durch die Vergrößerung des städtischen Ordnungsdienstes an. Auch die Aufnahme von Schulden wird weitergehen wie bisher; man darf deshalb auf den Entwurf des Haushaltes für 2026 gespannt sein. Bei einem Schuldenstand von knapp einer Milliarde Euro sind zusätzliche Einnahmen in der Kämmerei gerne gesehen. Selbst zu Lasten der Einwohner, siehe die enorme Erhöhung der Parkgebühren für Anwohner in diesem Frühjahr. Zudem verkündete Münsters Kämmerin Christine Zeller (Grüne) auf der Ratssitzung am 7. Oktober 2024, dass die Stadt über keinerlei finanziellen Reserven mehr verfüge und unmittelbar vor der Haushaltssicherung stehe. Seitdem wurde die finanzielle Lage der Stadt nicht besser.
Deshalb wird es auf längere Sicht nicht so weitergehen wie bisher. Die Wahlen sind gelaufen und für die kommenden fünf Jahre haben die Parteien politisch freie Bahn. Ein Streichkonzert droht vor allem im kulturellen Bereich. Hintergrund dessen ist, dass kulturelle Leistungen aber auch viele soziale Leistungen in den Bereich freiwilliger kommunaler Leistungen fallen. Diese machen zwar nur – je nach Kommune – zwischen zehn und fünfzehn Prozent der kommunalen Haushalte aus. Sie sind aber der einzige Bereich, in dem eine Kommune über Streichungen oder Kürzungen unmittelbar sparen kann. Die kommunalen Pflichtleistungen sind davon theoretisch ausgenommen, diese machen folglich zwischen fünfundachtzig und neunzig Prozent des Etats aus. (3) Allerdings kann bei diesen der Hebel indirekt angesetzt werden, indem die Kommune zum Beispiel die Elternbeiträge für Kitas heraufsetzt und dadurch selber relativ einspart. Deren Höhe stand bereits im Oktober 2024 zur Disposition. Damals verweigerten die Ratsparteien mit Blick auf die nahenden Wahlen eine Erhöhung. Nun werden sie kommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Auch die Erhöhung der Gewerbesteuer sowie von kommunalen Abgaben und Gebühren kann als sicher gelten. Wohl der Initiative und dem Verein, die in ihrer Finanzierung notfalls auch ohne städtischen Zuschuss auskommen. Wenigstens die Wähler der Parteien, die schlussendlich nicht die Ratsmehrheit stellen, brauchen sich dann keine Vorwürfe mehr zu machen.
Am 28. September kommt es zur Stichwahl zwischen den Bewerbern Dr. Georg Lunemann für die CDU und Tilman Fuchs für die Grünen. Das wenig überraschende Ergebnis zeigt Fuchs mit rund 58 Prozent vor Lunemann mit rund 42 Prozent. Damit ist der Abstand zwischen beiden Bewerbern nochmals deutlich größer als im ersten Wahlgang am 14. September. Was angesichts der angekündigten Unterstützung für Fuchs durch SPD, LINKE, Volt und ödp absehbar war. Lunemann konnte dagegen nur auf die Hilfe der FDP setzen; viele Wähler der AfD dürften ihm auch als das „kleinere Übel“ keine Stimme gegeben haben. Lunemann steht zu deutlich für eine CDU, die ihren selbstzerstörerischen Kurs in Bund und an der Aa weiter fortsetzt.
Die Frage, wer von beiden Bewerbern der bessere ist, mag von der Papierform her für Lunemann sprechen. Als Direktor des Landschaftsverbandes LWL, als ehemaliger Kämmerer der Stadt Gelsenkirchen und als promovierter Verwaltungsfachmann bietet er ein breiteres berufliches Spektrum als Fuchs, der zeitlebens nicht aus Münster heraus fand. (4). Letztendlich steht der Grüne für die bräsige Genügsamkeit („Paohlbürger“), die Münsters Selbstverständnis seit jeher prägt. Mit dem Unterschied, dass diese Genügsamkeit nicht mehr nur in Schwarz, sondern auch in Grün eingefärbt ist. Zündende Ideen angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen sind von ihm, wie auch von Lunemann, nicht zu erwarten. Mental geprägt sind sie vom schwerfälligen öffentlichen Dienst. Dafür gibt die bekannte ideologische Schere im Kopf: „Die größte Bedrohung unserer Demokratie kommt von rechts“ so Fuchs in seiner Selbstdarstellung per Internet. (5) Ergo nichts Neues unter Sonne auch in diesem Punkt an der Aa. Entsprechend werden die Finanzen als letzter Punkt des grünen Kommunalwahlprogrammes behandelt (6). Die CDU in Person von Georg Lunemann verspricht an vorderer Stelle immerhin keine weiteren Steuererhöhungen sowie den Verzicht auf eine weitere Kreditaufnahme. (7)
„Den Wechsel wählen“ wie es Grün vor der Stichwahl propagierte? Man fragt sich, was die Grünen aber auch alle anderen Ratsparteien außer der marginalen AfD in den letzten drei Wahlperioden und in ihren wechselnden Koalitionen gegen genau die Missstände taten, die im Wahlkampf derart thematisiert wurden wie die Lage der städtischen Finanzen, das Wohnen an der Aa, den teuren ÖPNV und so weiter. Von frischem Wind abermals keine Spur. Die Wahl von Andrea Blome und Christoph Kattentidt zu Fraktionssprechern der Grünen ist angesichts des Zugewinns von einem Ratssitz und als nun stärkster Fraktion noch verständlich. Anders bei CDU (minus einem Sitz) und SPD (minus drei Sitze), die weiterhin auf Stefan Weber (Fraktionsvorsitzender seit 2012) und Lia Kirsch (Fraktionsvorsitzende seit 2022) setzen. Ein deutlicheres Zeichen des „Weiter so!“ ist schwer vorstellbar. Zwar verheißt das für Münsters Zukunft wenig Gutes aber selbst den fortlaufenden Abstieg der ehemaligen Metropolis Westfaliae werden die Adepten des Weitermachens als positive Entwicklung, nun aber verstärkt im Zeichen des „Klimaschutzes“ und diverser Wenden a la „Mobilitätswende“ verkaufen. Die Bürger werden bekommen, was sie mehrheitlich bestellt haben.
[letzte Überarbeitung am 28. September 2025]
Michael Heß
(1) Der Oberbürgermeister ist laut nordrhein-westfälischer Gemeindeordnung einerseits Chef der Verwaltung, andererseits aber auch Mitglied des Rates. Bei Stimmengleichheit entscheidet dann seine Stimme.
(2) Im doppelseitigen Beitrag „Was die Parteien Münster versprechen“ werden in der Reihenfolge der Nennung aufgeführt: CDU, Grüne SPD, LINKE, FDP, Volt, AfD, Die Partei, ödp, Internationale Demokratische Liste IDL, die Partei der Humanisten PdH sowie die lokale Struktur Spektrum. Auch interessant: im Punkt „Sicherheit“ geht nur die AfD ansatzweise, alle anderen Parteien überhaupt nicht auf Migration als Ursache für gestiegene Kriminalität ein.
(3) Gemäß Subsidaritätsprinzip hat Derjenige zu zahlen, der eine Leistung bestellt. In der Praxis sind das oft das Land oder der Bund. Das erfolgt aber wie bei den Kosten für Flüchtlinge nur unzureichend, was maßgeblich zur Verschuldungsmisere der Kommunen beitrug und beiträgt.
(4) Selbst als Dezernent für Soziales im Kreis Steinfurt von 2016 bis zur Wahl bis behielt Fuchs seinen Münsteraner Wohnsitz bei.
(5) https://tilman-fuchs.de/fuenf-sofort-schritte-fuer-muenster-fuchs-legt-vorhabenliste-vor-der-stichwahl-vor
(6) https://gruene-muenster.de/wp-content/uploads/2025/06/Kommunalwahlprogramm-25-GRUeNE-Muenster.pdf/
(7) https://www.georg-lunemann.nrw/wahlprogramm/
