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Straßenschilder im Marineviertel

Neue Namen braucht die Stadt?

Die Debatte um Straßenumbenennungen offenbart unterschiedliche Geschichtsauffassungen

[zuletzt aktualisiert am 8. Dezember 2025]

Wenn nicht alles täuscht, kommt es in Münster zu einem kommunalpolitischen Novum: zu einem Bürgerentscheid auf der Ebene von nur einem der sechs Stadtbezirkes. Konkret, des Stadtbezirks Münster Mitte. Anlass dafür ist die von der grün-roten Mehrheit in der Bezirksversammlung (das Parlament des Stadtbezirkes – M.H.) angestrebte Umbenennung mehrerer Straßen im Bezirk. Im Einzelnen betrifft das die jetzigen Admiral-Spee-Straße, Admiral-Scheer-Straße, Otto-Weddigen-Straße und die Skagerragstraße. Die Langemarckstraße soll bleiben, aber zur Langemarkstraße verkürzt werden. Nach heftigem Widerstand der Anwohner soll die Prinz-Eugen-Straße dagegen bleiben, ebenso die Tannenbergstraße. (1)

Gegen das Vorhaben der grün-roten Mehrheit in der Bezirksvertretung Mitte formierte sich schnell der Widerstand von Anwohnern. Diese gründeten eine Bürgerinitiative mit dem konkreten Ziel, die geplanten Umbenennungen zu verhindern. Darüber hinaus sollte es einen generellen Stopp politisch motivierter Umbenennungen in Münster geben. Auf ihrer Homepage (der Link steht am Ende dieses Textes) listet die Bürgerinitiative sechs Gründe dagegen auf. Die beiden Hauptgründe sind der erhebliche Aufwand für die Anlieger selbst wie der für neue Adressen und Ausweise. Das alles auf eigene Kosten; der Aufwand dafür liegt schnell im höheren dreistelligen Bereich. Darüber hinaus plädiert die Initiative für einen anderen Umgang mit der Geschichte und dazu weiter unten mehr. Auch der beklagte Verlust von Heimatgefühl und damit von den eigenen persönlichen Wurzeln ist nicht zu unterschätzen.

Ein interessanter Aspekt ist die Historie der lokalen Straßenumbenennungen allemal. Bereits die ersten Anordnungen der britischen Besatzungsmacht sahen 1945 auch eine Umbenennung von Straßen vor. Aus verschiedenen Gründen erfolgte das nicht bei allen in Frage kommenden Namen doch blieb das Thema virulent. Es gab immer wieder Vorstöße bei diversen Namen. Im Jahre 2010 ging dann der vormalige Carl-Diem-Weg in der Sentruper Straße auf. Ein Höhepunkt war kurz darauf der Streit um die Benennung des vor dem Schloss liegenden, rund 13 Hektar großen Platzes. Dieser hieß bis 1927 Neuplatz und wurde dann nach dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt. Im Zuge der historischen Neubewertung seiner Rolle speziell ggü. den Nationalsozialisten flammte die Diskussion um den Namen ab etwa 2005 erneut auf. (2) Am 21. März 2012 entschied der Stadtrat mit 53 zu 23 Stimmen für eine Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz. Aufgrund einer erfolgreichen Unterschriftensammlung hatte das Gremium auf seiner Junisitzung nochmals über die Sache zu entscheiden. Nun fiel das Votum mit 62 zu 14 Stimmen noch deutlicher pro Umbenennung aus. Der darauf angestrengte Bürgerentscheid der Gegner einer Umbenennung scheiterte weil knappe 60 Prozent der Teilnehmer bei zugleich erfüllten Quorum der Mindestteilnehmerzahl von 25 Prozent der abstimmungsberechtigten Münsteraner für den neuen Namen und damit gegen Hindenburg als Namensgeber stimmten.

Da die Debatte um belastete Straßennamen nicht verstummen wollte, setzte die Stadt eine Historikerkommission ein zur Untersuchung belasteter Namen. Wichtig für die heutige Diskussion war der damalige Umstand, dass nur solche zur Disposition standen, die in der Nazizeit aktiv kollaborierten. Die von Stadt eingesetzte Kommission plädierte dann für die Umbenennung einiger Straßen wie dem Jöttenweg und der Agnes-Miegel-Straße. Ersterer wurde folgend umbenannt in Paul-Wulff-Weg, dieser ein Opfer der Nazijustiz. Andere Namen wie der von Agnes Miegel blieben dagegen, wenn deren Kollaboration im Dritten Reich als weniger schwerwiegend eingestuft wurde. (3) Ebenfalls wichtig für den heutigen Konflikt ist der damalige, parteiübergreifende Beschluss, dieses Votum der Historiker als abschließend zu betrachten; weitere Umbenennungen aufgrund ihres Verhaltens in der Nazizeit sollten nicht mehr erfolgen, da alle in Frage kommenden Namen überprüft seien.

Dennoch machte die grün-rote Mehrheit in der Bezirksvertretung Mitte das Fass ohne Not wieder auf. Assistiert von der Linkspartei und Volt. Um den entscheidenden Unterschied nochmals zu betonen. Damals ging es um belastete Personen an sich. Heute geht es um unbelastete Personen, die von den Nazis als Namensgeber vereinnahmt wurden. Zum Zeitpunkt der Benennung waren sie allesamt gestorben. Die Frage, ob sie noch Nazis geworden wären ist müßig denn Tote können sich gegen ihre Vereinnahmung nicht mehr wehren. Dieser Aspekt ist zentral denn folgt man der grün-roten Argumentation konsequent, müsste Alles aus dieser Zeit stammende zur Disposition stehen. Wie zum Beispiel das 1934 verliehene Stadtrecht für Emsdetten und weite Teile der Sozial-, Umwelt-, und Versicherungsgesetzgebung. Einschließlich der Eule auf den die Naturschutzgebiete ausweisenden Schildern. Am konsequenten Ende müsste jedes Rechtsgeschäft aus dieser Zeit hinfällig sein. Doch so weit diskutieren die grün-roten Bezirksvertreter nicht.

Ein Blickpunkt in der Debatte ist das Zurücktreten der historischen Bildung hinter eine Ideologie, der alles Konservative suspekt ist. Dass die damaligen Zeiten ein anderes Wertesystem als das heutige hervorbrachten, zählt ebenso wenig wie die Möglichkeit einer kritischen historischen Debatte heute anhand der Namen. Dafür soll die Geschichte nachträglich umgeschrieben werden; Orwells Romanvorlage „1984“ kommt, nicht nur hier, zwangsläufig in den Sinn. Es ist das alte Lied mit der politischen Linken, die Menschen notfalls zu ihrem „Glück“, dieses streng nach ihrem Gusto, zu zwingen. (4) Wem das nicht gefällt der läuft Gefahr, als Ewiggestriger denunziert zu werden.

Im Unterschied dazu plädiert die Bürgerinitiative für einen anderen Umgang mit der Geschichte. Die Erinnerung an die betreffenden Personen nämlich am Leben zu erhalten als Anknüpfpunkt für historische Debatten. Dahinter steht der Gedanke, die eigene Geschichte als Ganzes zu begreifen und zu erhalten. Einen Adolf Hitler bringt man durch Verschweigen ebenso wenig aus der Historie wie einen Admiral Scheer. Es geht bei Letzterem nicht um ein Ehren per Straßenname sondern um ein kritisches Erinnern. Was – gerechnet ab dem Ende der Nazizeit – runde 80 Jahre möglich war, sollte auch weiterhin sein. Konkret plädiert die Bürgerinitiative deshalb für Tafeln mit zusätzlichen Informationen zu den Namensgebern.

Noch ein weiterer Aspekt spielt in den Vorgang hinein: der der Gestaltungsmacht. Ob man das Leben der Bürger aktiv gestalten kann sprich verbessern. Oder ob das nicht mehr möglich ist. Die finanzielle Misere der Kommunen erschwert oder verhindert Gestaltungen, zu deren Umsetzung mehr oder weniger große finanzielle Mittel in die Hand genommen werden müssten. Auch die im Privaten so reiche Stadt Münster steht vor einem Schuldenberg von rund einer Milliarde Euro. Dieser ist de facto so groß wie der städtische Etat selbst. Im dem sozialpolitische Leistungen sowie die Gehälter nebst Rückstellungen für Pensionen der städtischen Angestellten und Beamten den Löwenanteil ausmachen. Vom Rest sind unter anderem noch die Zinsen für aufgenommene Kredite zu begleichen. Unterm Strich verbleiben für Investitionen, also für Anschaffungen, Neubauten und Reparaturen, in die vorhandene Infrastruktur zu wenig Mittel. Im Haushaltsjahr 2o25 sind es nur noch rund 16 Prozent des Gesamtetats bei weiterhin sinkender Tendenz. In so einer Situation wird positives Gestalten immer schwieriger weil das benötigte Geld ausgeht. Also greift die Politik immer stärker in Vorhandenes ein, kürzt und/oder verteuert Leistungen, teilt um zu Lasten städtischer Investitionen und nennt dieses Verhalten ein Gestalten. Dabei ist es bestenfalls ein Verwalten der Misere zu Lasten der Bürgerschaft. Beispielhaft dafür steht das Vorhaben geänderter Straßennamen zum ideellen und materiellen Nachteil der Anwohner.

Zurück zur Kerndebatte. Geschichte ist nicht teilbar, sie kann nur als Ganzes angenommen werden und die Zeit der Bilderstürmerei sollte auch in Münster vorbei sein. Alle wirklich belasteten Namen sind mit einer, die Austermannstraße betreffenden, Ausnahme, abgeschafft. (5) Insofern besteht auch kein wirklicher Handlungsbedarf. Die Initiative schlägt vor, besagte Straßenschilder mit Zusatzinformationen versehen. Die von der Politik sonst so gerne beschworenen mündigen Bürger kann sich dann selbst eine Meinung bilden. Das und nichts anders ist einer gelebten Demokratie würdig. Denn dass es auch anders geht als im Stadtbezirk Mitte zeigte Hiltrup. Dort lehnte die Bezirksvertretung am 12. Juni 2025 eine Umbenennung der Heideggerstraße ab und folgte damit, im Gegensatz zur Bezirksvertretung Mitte, dem überwältigenden Votum der Anwohner. (6) Es ist ein Zeichen, das die Streiter der Bürgerinitiative in Mitte ermuntert im Bestreben, eine sachliche Annahme wie Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu sichern.

Allerdings scheint das grün-rote Lager in der Bezirksvertretung Mitte aus der Entwicklung nichts zu lernen. Wie die Westfälischen Nachrichten am 12. Juli 2025 mitteilen, seien noch weitere Umbenennungen wie die der Andreas-Hofer-Straße und Manfred-von-Richthofen-Straße angeregt. Hierbei liege die Entscheidungshoheit zwar beim Rat, doch ist dieser gleichfalls grün-rot dominiert (Beitrag „CDU befürchtet Straßenumbenennung“).

Am 5. August 2025 übergeben Vertreter der Bürgerinitiative 8.048 Unterschriften gegen eine Umbenennung an die Stadtverwaltung. Die Unterschriften stammen nicht nur aus dem Marineviertel sondern aus dem gesamten Stadtbezirk Mitte: “Unmittelbar nach dem BV-Beschluss im Mai hatte die Bürgerinitiative das Bügerbegehren angemeldet und nach Angaben des Sprechers Christian Siegert sogar in der Aaseestadt ordentlich Unterschriften sammeln können – so sehr seien Bürgerinnen und Bürger verärgert über die – aus ihrer Sicht – falsche Prioritätensetzung.” (Quelle: “8048 Unterschriften gegen Straßenumbenennungen”; in: Westfälische Nachrichten vom 6. August 2025) Nunmehr prüft die Verwaltung die Zulässigkeit der eingereichten Unterschriften. Wenn 5.365 Stimmen gültig sind was fünf Prozent der Wahlberechtigten im Stadtbezirk Mitte entspricht, muß sich die Bezirksvertretung (das Parlament des Stadtbezirkes – M.H.) im September erneut mit dem Vorgang befassen. Sie kann den Beschluß der Umbenennung vom Mai rückgängig machen oder auch bestätigen. Dann wird es zu einem kommunalpolitischen Novum kommen: einem Bürgerentscheid nur auf der Ebene eines Stadtbezirkes. Dieser wird dann wahrscheinlich 2026 stattfinden. Derzeit sieht es so aus, daß die “linke” Mehrheit in der BV das Anliegen der Anwohner weiterhin negiert.

Ende August eskaliert die Situation verbal. Der OB-Kandidat der Grünen, Tilman Fuchs, bescheinigt der BI zwar die Zulässigkeit ihres Anliegens. Zugleich unterstellt er ihr aber die angestrebte weitere Verherrlichung von Nazis. Die BI verwahrt sich gegen Fuchs’ Äußerungen entschieden und weist einmal mehr auf eine notwendig andere Erinnerungskultur hin sowie auf die Belastungen der betroffenen Anwohner. In diesem Zusammenhang wird bekannt, daß münsterweit rund 60 weitere Straßennamen auf mögliche Namensänderungen untersucht worden seien. Darunter befindet sich auch die ebenfalls im Marineviertel befindliche Gorch-Fock-Straße. (7) Für die BI sei klar, “alle demokratischen Mittel auszuschöpfen, um diese ideologischen Eingriffe in die Bürgerinteressen, die Stadtgeschichte und die Stadtkasse zu verhindern.” (Quelle: “Grüner OB-Kandidat bringt Initiative gegen sich auf”; in: Westfälische Nachrichten vom 19. August 2025). Kritik am Vorgehen der Grünen übt bezeichnenderweise auch der ehemalige Vorsitzende des Kreisverbandes Stefan Orth, mittlerweile parteilos.

Bestätigt durch die Kommunalwahl Ende September macht die Mehrheit in der BV Mitte aus 12 von 19 Sitzen (Grüne, SPD, LINKE und Volt) weiter wie bisher. Nachdem der Rat in seiner konstituierenden Sitzung am 5. November 2025 die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens anerkannte (eine reine Formalie), beschließt die genannte Mehrheit in der ersten Sitzung der BV Mitte am 11. November die Zurückweisung eines Antrages auf Beibehaltung der Straßennamen. Somit wird es zum ersten stadtteilbezogenen Bürgerentscheid in der Geschichte Münsters kommen. Dies wahrscheinlich im Januar 2026; die Frist für den Bürgerentscheid läuft am 8. Februar 2026 aus. Die Stadtverwaltung beziffert die Kosten für den Bürgerentscheid auf rund 300.00 Euro. Damit sich die Bürgerinitiative pro derzeitiger Straßennamen durchsetzt, müssten dann etwas weniger als 11.000 Münsteraner für deren Beibehalt stimmen.

Am 28. November teilt die Stadt den 8. Februar 2026 als Termin des Bürgerentscheides mit (am 29. November im Amtsblatt veröffentlicht). Dann sind 108.000 Stimmberechtigte zur Stimmabgabe aufgerufen; die Versendung der Wahlunterlagen beginnt am 12. Januar 2026. Abgestimmt werden kann direkt im Wahlamt im Stadthaus I oder per Brief.

Michael Heß

[dieser Beitrag wird anhand der weiteren Entwicklung laufend aktualisiert]

(1) Admiral Maximilian ff. Reichsgraf von Spee (1861 bis 1914) war ein Vizeadmiral der kaiserlichen Marine, der im Seegefecht bei den Falklandinseln am 8. Dezember 1914 starb. Admiral Carl ff. Scheer (1863 bis 1928) war als Admiral der kaiserlichen Marine Befehlshaber der deutschen Seestreitkräfte in der Skagerrakschlacht. Otto Eduard Weddigen (1882 bis 1915) gewann als Kapitän von U 9 durch die Versenkung dreier britischer Panzerkreuzer am 22. September 1914 außerordentliche Popularität im Kaiserreich. Im westlich von Dänemark gelegenen Skagerrak fand am 31. Mai und 1. Juni 1916 die größte Seeschlacht des Ersten Weltkrieges zwischen der britischen und deutschen Marine mit unentschiedenem Ausgang statt. Bei der belgischen Ortschaft Langemarck (heute Langemark) erfolgte im November 1914 ein blutiger Angriff deutscher Truppen unter Beteiligung jugendlicher Kriegsfreiwilliger, der bis heute als Symbol für die sinnlose Vernichtung jugendlichen Lebens gilt. Prinz Eugen-Franz von Savoyen-Carignan (1663 bis 1736) war ein österreichischer Feldherr, der sich besonders in den Türkenkriegen um und nach 1700 hervor tat. Bei Tannenberg (heute Stebark, Polen) schlugen deutsche Truppen vom 26. bis zum 30. August 1914 die russische Armee und verhinderten damit eine russische Besetzung Ostpreußens. Die Schlacht fand eigentlich um die Ortschaft Hohenstein herum statt, wurde später aber auf Wunsch des deutschen Oberbefehlshabers Paul von Hindenburg (1847 bis 1934) in die Schlacht von Tannenberg geändert. Damit sollte der epochale polnisch-litauische Sieg in derselben Gegend gegen den Deutschen Orden am 15. Juli 1410 propagandistisch übertüncht werden.

(2) Paul von Beneckendorff und Hindenburg (1847 bis 1925) war kaiserlicher General im Ersten Weltkrieg, von 1916 bis 1918 Chef der Obersten Heeresleitung und von 1925 bis 1934 der zweite und letzte Reichspräsident der Weimarer Republik. Heute gilt er als Wegbereiter der Nazis.

(3) Karl Wilhelm Jötten (1886 bis 1958) war seit 1924 Lehrstuhlinhaber für Hygiene an der Westfälischen-Wilhelms-Universität und seit 1936 (rückwirkend ab 1933) Mitglied der NSDAP. Heute gilt er als mitverantwortlich für die Zwangssterilisation von rund hunderttausend Kindern im Dritten Reich. Agnes Miegel (1879 bis 1964) gewann als Literatin erhebliche Bedeutung, stand aber auch der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis nahe und lies sich willig vereinnahmen. Paul Wulf (1921 bis 1999) wurde am 12. März 1938 als „Schwachsinniger“ zwangssterilisiert. Nach dem Krieg engagierte er sich als einer der ganz wenigen Betroffenen für eine Aufarbeitung des Geschehens und für die Rehabilitierung der Verurteilten. In Münster pflegt der Freundeskreis Paul Wulf sein Andenken.

(4) Immer noch meinen viele Menschen, das politische Personal in den Wahlgremien sei das Ergebnis einer Positivauslese über die sog. Ochsentour in den Parteien. Solche Vertreter wird es noch geben, doch funktioniert die Auslese seit Längerem negativ. Fachliche Kenntnisse und persönliche Integrität sind dabei nachgeordnete, wenn nicht unwichtige Kriterien. Wichtiger sind das passende Parteibuch sowie die persönliche Anpassungsfähigkeit bei Änderung der Rahmenbedingungen. Im Ergebnis kommt seit geraumer Zeit der ebenfalls antike Begriff der Kakistokratie auf: die Herrschaft der Schlechtesten. Konkret illustriert durch die Debatte über die charakterliche und/oder fachliche Eignung von Ministern in der Ampelkoalition und woanders. Ihnen fehlt die unabdingbare Innensicht des Metiers aufgrund beruflicher Erfahrungen, für das sie Entscheidungen fällen, die wiederum alle Bürger betreffen.

(5) Leben und Wirken von Heinrich Austermann (1909 bis 1984) zeigen exemplarisch das Problem vereinfachender Geschichtsinterpretation auf. Als junger Jurist arbeitete Austermann in den 30er Jahren im Rechtsamt der Stadt Münster und zeichnete sich als einer von nur zwei damit befassten Mitarbeitern durch besonderen Eifer bei der Arisierung des vorhandenen jüdischen Eigentums aus. Das tat er so gründlich, dass Münster als eine der ersten deutschen Großstädte bereits im März 1939 Vollzug melden konnte. Nach dem Krieg trat Austermann in die CDU ein, für die er 1948 zum Stadtrat gewählt wurde, 1950 zum Kämmerer und ab 1952 zum Oberstadtdirektor. Das Amt hatte er bis zur Pensionierung Ende Oktober 1973 inne und erhielt wenige Tage zuvor, am 28. Oktober 1973, die Ehrenbürgerschaft, da Münsters Entwicklung nach dem Kriege untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Die neu gebaute Austermannstraße im Westen der Stadt wurde folglich 1989 nach ihm benannt. Seine Schuld im Dritten Reich ist so eindeutig wie es seine Verdienste um Münster in der Nachkriegszeit sind.

(6) Martin Heidegger (1889 bis 1976) war ein deutscher Philosoph und gilt als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk “Sein und Zeit erschien 1927. Von 1933 bis 1945 war er Mitglied der NSDAP, von 1933 bis 1934 Rektor der Universität Freiburg und nahm auch Funktionen in der nazistischen Akademie für Deutsches Recht wahr. Nach dem Krieg entwickelte Heidegger ein Gedankensystem, das den Menschen als (vergänglichen) Gast in der Welt begriff, anstatt diese nur auszubeuten. Anläßlich seines 70. Geburtstages verlieh ihm seine Heimatstadt Meßkirch (Landkreis Sigmaringen) die Ehrenbürgerschaft.

(7) Gorch Fock (1889 bis 1916), eigentlich Johann Wilhelm Kinau, war ein plattdeutscher Heimatdichter. Seit 1904 veröffentlichte er Gedichte und Erzählungen im Plattdeutsch seiner Heimatstadt Finkenwerder (heute ein Hamburger Stadtteil); das bekannteste Werk ist der 1913 erschienene Roman “Seefahrt tut not!” mit autobiografischen Zügen. Gorch Fock fiel als Besatzungsmitglied des Kreuzers Wiesbaden in der Skageragschlacht am 31. Mai 1916. Gorch ist die (platte) Finkenwerder Version des hochdeutschen Namens Georg. Seit 1917 trugen verschiedene Kampf- und Schulschiffe der Kaiserlichen Marine, der Reichs- und Kriegsmarine (Weimarer Republik und Drittes Reich) sowie der Deutscen Marine (Bundesrepublik; seit 1958 das Segelschulschiff Gorch Fock für die Ausbildung von Offiziersanwärtern) seinen Namen.

Link zur Bürgerinitiative für den Stop von Umbenennungen:
https://www.stoppt-umbenennungen.de

Bildnachweis: Michael Heß